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Wladimir Jaremenko-Tolstoj wladimir.tolstoj@gmx.at

Mag. Dr. Phil.

Russischer Philosoph und Schriftsteller, Ur-Ur-Enkel des Klassikers Leo Tolstoj.

Geboren 1962 in Sibirien in einer Häftlingssiedlung für verbannte Politverbrecher. Nach der Freilassung seines Vaters aus der Haft, lebte und studierte in Leningrad, dann in London und Wien. Promoviert an der Universität Wien 1994. Österreichischer Staatsbürger. Zimmerkommandant AD der österreichischen Armee.

Chefredakteur der ST/A/R-Zeitung.

                       

Interview mit Wladimir Jaremenko-Tolstoj

PHILIPP KAPLAN:

Nochmal möchte ich Dich sehr herzlich willkommen heißen bei uns im Pygmalion Theater, es ist mir eine Freude und eine Ehre, Dich interviewen zu dürfen,, und ich wollte Dich jetzt noch einmal fragen, ob es in Ordnung ist, dass ich dieses Gespräch aufnehme.

WLADIMIR JAREMENKO-TOLSTOJ:
OK!

                           

PH K:
Wie möchtest Du Deinen literarischen Werdegang beschreiben, was waren Deine wichtigsten Stationen?

 

 

 

 

 

 

 

W J-T:
Als ich jung war, da war ich ein Dichter. Ich habe Gedichte und Erzählungen geschrieben. Aber ich habe schon immer von einem großen Roman geträumt. In Wien musste ich an der Uni russische Wirtschaftslinguistik unterrichten um das langjähriges Studium meiner Frau Anna Jermolaewa zu finanzieren. Sie hat zuerst Kunstgeschichte studiert, dann ein Kunststudium an der Kunstakademie begonnen. Unsere Tochter Maria-Anastasia war klein. Plötzlich wurde meine Frau als Künstlerin bekannt. Sie hat ihre Videos im Internationalen Pavillion bei der Biennale in Venedig präsentieren können und kurz danach bekam sie eine Assistentenstelle am Schillerplatz, dann eine Professur in Karlsruhe. Es war eine Erleichterung für mich. Ich habe mir gesagt: jetzt ist die Zeit gekommen einen Roman zu schreiben! Ich habe zwei freie Semester an der Uni bekommen und bin nach Sankt-Petersburg gefahren und habe dort an meinem Roman geschrieben.

 PH K:
Hast Du das geschafft?

W J-T:
Schon, ich habe den ersten Roman "Moi-moi" genannt und er ist 2003 in Russland in einer Auflage von 50.000 Stück erschienen. Ich habe dafür den Nationalbestseller Preis 2003 bekommen. Das war ein Erfolg, aber ich wurde schwer vergiftet. Ich nehme an – vom russischen Geheimdienst. Oder von meinem russischen Verleger. Oder von einer finnischen Diplomatin, eine Liebesaffaire die ich in meinem Buch beschrieb. Da kann man nur mutmassen. Ich schwebte fast zwei Jahre zwischen Leben und Tod. Ich konnte nicht arbeiten, ich habe meine Stelle an der Uni Wien aufgeben müssen, ich musste Schulden machen, aber ich habe überlebt.

PH K:
Nein, das kann nicht wahr sein!

W J-T:
So war es. Dann habe ich begonnen Theaterstücke zu schreiben, ich dachte über die Literatur nach, ich wollte daß meine Texte inszeniert werden, ich wollte, daß meine Texte belebt werden. Seitdem schreibe ich Theaterstücke.

PH K:
Wie bist Du auf das Pygmalion Theater gestossen?

W J-T:
Das war eine schöne Geschichte! Ich habe in der „Wiener Zeitung“ gelesen - Russischer Abend im Pygmalion Theater. Es war ein Konzert zum Frauentag am 8. März 2006 angekündigt. Da bin ich mit meinen russischen Literaturfreunden gekommen. Wir waren zu viert. Drei Männer und eine Frau. Aber das Konzert wurde abgesagt - die Geigerin war krank geworden. Tino der Direktor des Theaters wollte uns mit ca. 20  anderen Gästen nach Hause schicken, aber ich habe ihm vorgeschlagen eine spontane Lesung zu machen. Wir haben unsere Gedichte dem Publikum vorgetragen. Alle haben sich gefreut. Es war ein Superabend!

PH K: 
Meine nächste Frage betrifft Deine Schriftstellerei - welchen Fährnissen, welchen Schwierigkeiten bist Du bei Deiner Tätigkeit als Schriftsteller in Österreich ausgesetzt, wie gelangst Du an irgendwelche Unterstützung?

W J-T:
Die Literaturchefs von WienKultur und BKA/BMUKK haben mich bis jetzt nicht gefördert. Als Russe habe ich kaum eine Chance die Fürderungen zu bekommen. Über das Magazin „Wienzeile“ habe ich schon ein paar Mal  kleine Reisestipendien erhalten um den Herausgeber der Zeitschrift nach Russland als Dolmetscher zu begleiten. Ansonsten wurde ich immer abgelehnt, sowohl beim Bund als auch bei der Stadt Wien. Ich bin für sie noch ein Literat 2-er Sorte, scheint mir. Aber ich bin damit zufrieden. Ich bekomme nichts, aber ich werde auch nicht für meine Schreiberei so wie in Russland verfolgt. Dafür bin ich dem österreichchen Staat sehr dankbar!

PH K: 
Meine nächste Frage bezieht sich konkret auf das Stück, welches wir in der szenischen Lesung im Pygmalion Theater erarbeiten, nämlich - Wie kommt ein gebürtiger Russe dazu, sich in einem Stück mit der österreichischen Literatin Ingeborg Bachmann auseinanderzusetzen?

W J-T:
ngeborg Bachmann ist eine typische österreichische Künstlerin. Eine verrauchte komplexe Person. Ich bin seit 20 Jahre in Österreich und kenne sehr viele hiesige Künstler, welche an Raucherfolgen gestorben sind. Viele meiner Freunde. Sie sterben an Lungenkrebs und kriegen Raucherbeine. Die Bachmann ist auch am Rauchen gestorben, aber das war ein spektakulärer Tod! Es war ein Tod im Feuer! Sie hatte keine Raucherbeine, sie hat nicht Blut gehustet. Sie ist wunderschön gestorben!

PH K:
Also - Rauchen als die primäre Veranlassung dazu, ein Stück zu schreiben?

W J-T:
Natürlich! Das ist wirklich ein Fegefeuer! Diese Literatenszene…In jedem Lokal wird getschickt! Die Künstler bekommen keine Kinder. Wenn schon, dann gefährden sie oft ihre Kinder, weil ihre Eltern zuhause ununterbrochen tschicken und eigene Kinder nicht berücksichtigen... das ist wirklich brutal! Die Bachmann hatte, Gott sei Dank, keine Kinder, aber doch ein intensives Liebes- und Beziehungsleben.

PH K:
Bei dieser Vielzahl, bei diesen Plejaden an erotischen und nicht-erotischen Beziehungen, die Ingeborg Bachmann unterhalten hat (man denke nur an Celan und Henze), wie kamst Du dann gerade zu der bestimmten Auswahl Max Frisch – Ingeborg Bachmann – Heinrich Böll? Warum gerade dieses Dreieck?

W J-T: 
Ich habe wochenlang im Wiener Literaturhaus nachgeforscht, alle Nachrufe gelesen, es existiert sehr viel Literatur zum Thema Bachmann/Böll/Frisch, dieses Dreieck kann nicht wirklich verschwiegen werden. Die Russen kennen nicht viel von der deutschsprachigen Literatur. Aber die Österreicherin Ingeborg Bachmann, den Deutschen Heinrich Böll und den Schweizer Max Frisch kennt jeder gebildete Russe. Das waren die drei…

PH K: 
…Speerspitzen…

W J-T: 
Speerspitzen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

PH K: 
Also sozusagen eine nahe liegende Entscheidung, sich für gerade diese drei Repräsentanten der deutschsprachigen Literatur zu entscheiden?

W J-T: 
Das hat mich so gefreut, diese drei Figuren in meinem Stück als Personnen einzusetzen. So ein Bermudadreieck der Liebe.

PH K: 
 Im Finale Deines Stücks, Deine Mutmaßung, dass möglicherweise Max Frisch als Ursache für das Ableben von Ingeborg Bachmann herhält, wie kam es zu dieser Präsumption, dass gerade Max Frisch das Zünglein an der Waage zu ihrem Ableben gewesen sein kann, dass Max Frisch mit der brennenden Zigarette nachgeholfen hat?

W J-T: 
Er wollte sie heiraten, er hat diese Beziehung sehr ernst genommen. Und sie wollte es nicht. Er war also beleidigt. Er hat auch in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ diese Beziehung beschrieben. Er hat sich als Blinder ausgegeben, ich glaube, er hatte schon ein Motiv. Ich wollte ein bisschen Krimi machen. Das kommt immer gut an. Und ich habe mir gedacht, dass könnte schon sein. Warum sollte sie im Schlaf verbrennen? Vielleicht hat der Frisch das gemacht? Er hat sie geliebt, und er dachte, sie wird was, sie bekommt den Literaturnobelpreis. Und dann hat er gemerkt, sie bekommt ihn nicht, und er wollte sie irgendwie berühmt machen. Er hat sie sozusagen verewigt.

PH K: 
In diesem Stück kommt ganz stark zum Tragen, dass Ingeborg Bachmann nach Ruhm süchtig war, und das, obwohl sie im deutschsprachigen Raum aufgrund der diversen Preise, die sie erhalten hat, 1964 den Büchner Preis, 1968 der Großen Österreichischen Staatspreis, 1972 den Anton Wildgans Preis große Beachtung erlangt hat? Wie lässt sich das vereinbaren?

W J-T: 
Aber sie wollte den Nobelpreis!

PH K: 
Das bedeutet, solange sie den nicht erhalten hatte, konnte sie ihrer Ruhmsucht nicht abschwören, ein ungestilltes Verlangen nach dieser ultimativen Anerkennung?

W J-T: 
Selbstverständlich!

PH K: 
Welche Zukunftspläne wirst Du verfolgen?

W J-T: 
Ich verfolge nichts, ich möchte das Stück auf eine große Bühne bringen. Oder auf eine kleine Kammerbühne in einem grossen Theater. Zum Beispiel gibt es das Vestibül im Burgtheater oder das Kasino am Schwarzenbergplatz, wo ich schon im Jahre 1999 ein internationales Performanceprogramm mit Naked Poets veranstaltet habe. Vielleicht eine Kooperation mit dem Pygmalion Theater, mal sehen... Ich bin jetzt zum Direktor des Russischen Theaters Berlin berufen worden. Und so erweitern sich auch meine Möglichkeiten. Wir werden das Stück sicher in Berlin zeigen.

PH K:
Vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute für Deinen weiteren Werdegang!